Unter den zahlreichen Musik und Theateraufführungen der Gefangenen sticht eine besondere Produktion aus dem Spätsommer des Jahres 1918 hervor: "Die Güstrow Bing Boys".

Vorlage für diese musikalische Revue war eine Produktion des Alhambra-Theaters in London mit dem Titel "The Bing Boys Are Here", welche im April 1916 erstmals aufgeführt wurde und im Januar 1917 nach 378 Vorstellungen auslief. Gleichzeitig wurde die musikalische Nummernrevue in dieser Zeit auch von zwei reisenden Tournee-Kompagnien quer durch das britische Königreich aufgeführt. Die Show war offensichtlich vor allem bei Angehörigen der britischen Streitkräfte sehr beliebt. So gibt es mehrere Zeitungsberichte über Soldaten, die ihren jeweiligen Einsatzort mit Bing-Boys-Plakaten ausschmückten.1 Scheinbar gab es unter den Gefangenen in Güstrow-Bockhorst auch britische Soldaten, die diese Revue im Original gesehen hatten. Die Organisation und Aufführung der Revue im Gefangenenlager entstand unter der Koordination des britischen Lagerkomitees; auch etliche der Darsteller waren zu dieser Zeit Mitglieder dieser Organisation der Gefangenen aus dem britischen Königreich und dem Commonwealth. Eine erste Aufführung fand am 28.Juli 1918 statt. Wegen des grossen Erfolges folgte am 8. September 1918 eine Zweite, wahrscheinlich wechselten einige der Darsteller und auch das Programm wurde verändert. Diese zweite Aufführung ist wegen der zahlreichen erhaltenen Fotografien und des Programmheftes besser dokumentiert. Dadurch sind fast alle der damals an der zweiten Aufführung Beteiligten heute zumindest namentlich bekannt. Sehr markant waren auch die aufwendigen Kostüme dieses "British Pierrot Entertaintment". Die aufgeführten Stücke entsprachen nicht denen des britischen Originals. Das Komitee griff hier offensichtlich auf allgemein bekannte Songs zurück. Zudem mussten ja auch Noten und Text vor Ort vorhanden oder zu beschaffen sein. Die gesamte Aufführung unterteilte sich in drei Abschnitte mit Pausen dazwischen. Während die ersten beiden Akte aus einzelnen Musikstücken (überwiegend mit Gesang) bestanden, wurde der dritte Akt mit der Aufführung des dramatischen Sketches "A pair of lunatics" vom Autor W.R.Walkes aus dem Jahr 1893 bestritten. Von den Darstellern wurden neben mehreren Gruppenfotografien auch Einzelporträts im Kostüm angefertigt, die als Autogrammkarten genutzt wurden. Unter Leitung des Warrant Officer (WO) Archibald Paul Kennedy als Stage Manager waren folgende Gefangene als Mitglieder des Lagerkomitees an der Realisierung  der Aufführung beteiligt: Sergeant John Henry Jones, Sergeant Richardson, Sergeant John Ridge, Corporal William Ebdon, Private Harry J. Fred Checketts, Private Harold Charles Phelps und Private David B. Pryde. Als Darsteller standen neben Ebdon, Phelps und Ridge folgende Gefangene auf der Bühne: Corporal W. Brooks, Corporal E. Smith, Corporal F. Smith, Private Albert Louis Pruden, Corporal William Hamilton und  Corporal Harold le Plastrier Jackson. Die Musik der Aufführung wurde vom Lagerorchester unter seinem Dirigenten George Melik und dem Pianisten Corporal H. Markham gespielt. Die Bühnendekoration und Bemalung entstand unter der Leitung von Private Harry J. Fred Checketts und unter Beteiligung des Schreiners Sergeant James Hamill. Zwei belgische Gefangene waren für die Beleuchtung zuständig, bisher sind nur ihre Nachnamen bekannt: Michiels und Giot.2,3 Vermutlich wurde diese Revue nochmals am 17.Oktober 1918 auf der Theaterbühne des Gefangenenlager aufgeführt. Die Fotografien zu dieser Show gehören heute zu den häufig in Publikationen verwendeten Aufnahmen, wenn Bühnenaufführungen von Kriegsgefangenen des 1. Weltkrieges in Deutschland illustriert werden.

Fotografien der Güstrow Bing Boys:

1918 - Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys"

1918 - Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys"

1918 - Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys"

1918 - Plakat Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys"

 

 

1918 - Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys"

1918 - Theateraufführung "The Güstrow Bing Boys" - Porträt William Ebdon

 

 

 

Quellen: 1. Great War Theatre / 2. The Australian War Memorial / 3. greatwarforum.org

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