Ein kleinerer Teil des Lagers war bereits zuvor vom Land Mecklenburg als Verteilungslager für heimkehrende deutsche Kriegsgefangene genutzt worden. Der grössere Teil unterstand ab dem 2. Juni 1921 dem Reichskommissariat für Zivilgefangene und Flüchtlinge. 23 Personen der alten Lagerverwaltung wurden dafür übernommen. Die Menschen die nun im Lager einzogen waren sogenannte Grenzlandvertriebene. Es handelte sich um deutsche Staatsbürger aus Gebieten, die das Deutsche Reich nach dem verlorenen Krieg an andere Staaten abtreten musste. Im Güstrower Heimkehrerlager kamen sie zumeist aus den neuen polnischen Westgebieten. Eigentlich sollten sie hier nur so lange untergebracht werden, bis man für sie Wohnung und Arbeit im Reichsgebiet gefunden hatte. Wegen der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und der weiter bestehenden Wohnungsnot war eine rasche Weiterleitung der Familien jedoch kaum möglich. Die Notunterkünfte des Barackenlagers wurden nun zu einem Wohnlager, dessen baulicher Zustand und dessen hygienische Bedingungen eher dürftig waren. Es wurde auch nur wenig in Ausbau und Instandhaltung investiert. Ziel war es, den Aufenthalt nur wenig angenehm zu gestalten, um nicht noch weitere der eigentlich nicht willkommenen Flüchtlinge anzulocken, beziehungsweise sie zur schnellen Suche nach einem besseren Platz zum Leben zu bewegen. Erst nach massiven Beschwerden des aus Flüchtlingen gebildeten Lagerausschusses und einer darauf folgenden Inspektion durch das Reichsgesundheitsamt wurde zumindest die Wasserversorgung und sanitäre Ausstattung in Stand gesetzt. In erster Linie ging es dabei um die Abwehr von Seuchen und Infektionskrankheiten, bei denen ja durchaus auch das Risiko eines Übergreifens auf die örtliche Bevölkerung bestand. Auch die Ausstattung der Schule wurde verbessert. Aber die Wohnbedingungen in den mittlerweile baufälligen Baracken blieben schlecht. Einzige bauliche Veränderung war der Einbau von Bretterwänden zur Unterteilung sowie eine wasserdichte Verkleidung mit Teerpappe von Aussen gegen den Wind. Im August 1921 waren die ersten 413 Flüchtlinge im Lager untergekommen. In der Planung angedacht war für Güstrow eine maximale Belegung mit 1500 Flüchtlingen. Den Direktorposten hatte zunächst auf Probe ein Oberleutnant von Carlowitz inne. Ihm folgte jedoch schon bald auf Empfehlung des Lagerausschusses ein Hauptmann Schulz im Amt. Der vom Reichskommissar eingesetzte Lagerdirektor Schulz war für die Unterbringung, die Versorgung mit Lebensmitteln und die medizinische Betreuung verantwortlich. Das Rote Kreuz organisierte die Verteilung der Flüchtlinge auf die Lager im Reichsgebiet. Auch die soziale Fürsorge lag zunächst in Händen des Roten Kreuzes. Sie erstreckte sich auf die Versorgung mit Kleidung, der Organisation von Schulunterricht für die zahlreichen Kinder und die Hilfestellung bei der Suche nach Wohnung und Arbeit. Dafür setzte das Rote Kreuz eigenes, festangestelltes Personal unter Leitung ihres Direktors Friedrich Wilhelm Tönse ein, griff aber auch  auf ehrenamtliche Kräfte vor Ort zurück. Die Aufrechterhaltung des Betriebes war sicher sehr schwierig, da wegen der zunehmenden Inflation das Reichskommissariat ständig darauf drang, die Betriebskosten des Lagers zu senken. Die Zahl der Flüchtlinge nahm aber permanent zu. Im Juli 1922 war mit 1770 Personen die geplante Kapazität schon überschritten. Trotz wiederholter Forderungen des Reichskommissars lief die Weitervermittlung der Flüchtlinge ins übrige, krisengeschüttelte Deutsche Reich nur schleppend. Auf Tönses Initiative wurden vor allem die Werkstätten weiterbetrieben, die zum Teil schon im Kriegsgefangenenlager bestanden hatten. So wurden in der Tischlerei diverse Möbel gefertigt und in der Flechterei erzeugte man neben allerlei Korbwaren auch verschiedene Sitzmöbel aus Weidengeflecht.

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So war zumindest ein kleiner Zuverdienst zum dürftigen Taschengeld möglich. Auch der Ackerbau zur Selbstversorgung wurde betrieben. Der Lagerfriedhof wurde in dieser Zeit nicht weiter genutzt. 49 Erwachsenene und 20 Kinder, die in dieser Zeit unter den Flüchtlingen verstarben, wurden auf dem städtischen Friedhof in Güstrow beigesetzt. Bereits mit Beginn des Jahres 1923 drang das deutsche Innenministerium darauf, diese Lager möglichst zügig aufzulösen und die Bedürftigen zu verteilen. Im Juli 1923 zog sich das Rote Kreuz aus seinen Aufgaben im Lager zurück und überließ den Weiterbetrieb bis zur Auflösung vollständig den staatlichen Stellen. Diese beschäftigten zunächst auch Friedrich Wilhelm Tönse als Direktor weiter.

Im Laufe des Sommers 1924 wurde das Heimkehrerlager Güstrow stetig verkleinert, keine neuen Flüchtlinge mehr aufgenommen und schliesslich zum 1. Oktober 1924 endgültig aufgelöst.

Quellen: Akten des Reichskommissariat für Zivilgefangene und Flüchtlinge bzw. Innenministerium (Bundesarchiv R 43-I236, R 86-2402, R 1501/13327, R 1501/18401 bis R 1501/18410)

WEITER: Nach 1924 - Geschichte des Lagergeländes bis heute

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